Was qualifiziert Sie für den Bundestag?

In die­sem Bei­trag bespre­che ich die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wahl in den Bun­des­tag, das Pro­blem, das die gegen­wär­ti­gen Kri­sen für die Demo­kra­tie dar­stel­len und Mög­lich­kei­ten zur Erwei­te­rung der­sel­ben. Ein abschlie­ßen­der Abschnitt ist den Mensch­heits­kri­sen und sich dar­aus erge­ben­den neu­en Anfor­de­run­gen an Politiker*innen gewidmet.

Voraussetzungen für die Wahl

Als ich mit mei­nen Eltern über mei­ne Bun­des­tags­kan­di­da­tur für Die PARTEI Erlan­gen gespro­chen habe, waren sie skep­tisch. Mein Vater war der Mei­nung, dass das doch Men­schen machen soll­ten, die etwas ent­spre­chen­des stu­diert haben. Poli­tik­wis­sen­schaf­ten, oder so. Tja, so sind wir, wir Ossis. Wir fra­gen uns, ob wir Din­ge kön­nen, und im Zwei­fels­fall las­sen wir die Blen­der vor (hat­te ich Andre­as Scheu­er, MA mit sei­nem Fake-Dok­tor­ti­tel schon erwähnt?), die ein­fach selbst­be­wusst auf­tre­ten. Es gibt dazu einen schö­nen Witz aus Nach­wen­de­zei­ten: Fra­ge: „War­um dau­ert das Abitur im Wes­ten 13 Jah­re, aber im Osten nur 12 Jah­re?“ Anwort: „Weil im Wes­ten noch ein Jahr Schau­spiel­un­ter­richt dabei ist!“ Regi­ne Hil­de­brandt (1990 Minis­te­rin für Arbeit, Sozia­les, Gesund­heit und Frau­en in Bran­den­burg) erzählt ihn sehr gut zum Anfang einer MDR-Doku­men­ta­ti­on über Ost-Frauen:

Teil 2 der MDR-Doku­men­ta­ti­on über Ost­frau­en beginnt mit einem Wes­si-Witz aus den 90ern über das 13jährige Abitur

Ich per­sön­lich kann mich über man­geln­des Selbst­ver­trau­en nicht bekla­gen. Das liegt aller­dings dar­an, dass ich Wis­sen­schaft­ler bin und da ist die Sach­la­ge oft sehr klar. Ich hat­te ein­fach immer Recht. Also meis­tens. Also aus­rei­chend oft.1

Was qua­li­fi­ziert einen dazu, in den Bun­des­tag zu gehen? Muss man Politikwissenschaftler*in sein? Nein, 2013 kan­di­dier­te ein Kol­le­ge, eben­falls Sprach­wis­sen­schaft­ler, für eine damals gera­de neu gegrün­de­te Par­tei. Das fand nie­mand lus­tig. Nun kan­di­die­re ich für Die PARTEI. Das fin­den hof­fent­lich eini­ge lus­tig. Der Huf­ei­sen-Ste­fan Mül­ler von der CSU, gegen den ich antre­te, ist Bank­fach­wirt, vie­le CSU-Mit­glie­der sind Bau­ern. Julia Klöck­ner ist Wein­kö­ni­gin. Sie kann sehr gut lächeln. Das ist genau die Qua­li­fi­ka­ti­on, die sie braucht. Zum Bei­spiel zum Kuscheln mit Nestlé:

Video aus einem Tweet vom 03.06.2019 von Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Julia Klöck­ner (CDU) zu einem Tref­fen mit Nestlé

Julia Klöck­ner sagt in ihrem Bei­trag, dass sie in ihrem Gespräch mit Nest­lé viel Neu­es erfah­ren hat. Über Nest­lé hät­te sie schon vor­her viel erfah­ren kön­nen. Zum Bei­spiel aus dem Film We feed the world – Essen glo­bal. Ich will das hier nicht zusam­men­fas­sen, da bekom­me ich nur schlech­te Lau­ne. Guckt Euch den Film ein­fach an.

Lobbyismus und Repräsentativität

Aber jetzt ganz im Ernst: Der Bun­des­tag besteht aus vom Volk gewähl­ten Vertreter*innen, die die Inter­es­sen der Wähler*innen bzw. von Grup­pen von Wähler*innen ver­tre­ten sol­len. Also eigent­lich Lob­by­is­mus. Vie­le CDU/C­SU-Abge­ord­ne­te sind (Groß-)Bauern und sit­zen auch im Agrar­aus­schuss des Bun­des­ta­ges (62% der CSU/CDU, 25% der Grü­nen, 0% bei den ande­ren, taz, 17.03.2021). Außer ihrer Par­tei­mit­glied­schaft haben sie kei­ne beson­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on. Auch das ist in Ord­nung (aber sie­he unten). Das ein­zi­ge Pro­blem ist, dass Lob­by­is­mus in CDU/CSU und lei­der auch der SPD bis­her intrans­pa­rent geblie­ben ist und dass die CDU/CSU sich gegen ent­spre­chen­de Geset­ze gewehrt hat. 

Mar­co Bülow (Ex-SPD, jetzt Die PARTEI) spricht beim Kli­ma­mon­tag von Berlin4Future über Kor­rup­ti­on und Lob­by­is­mus, Ber­lin, Alex­an­der­platz, 07.09.20, Bild: Ste­fan Mül­ler, CC-BY

Es muss trans­pa­rent sein, wer was im Bun­des­tag macht und was dabei die Inter­es­sen der jewei­li­gen Per­son sind oder sein könn­ten. Dann kön­nen Wähler*innen frei ent­schei­den, ob sie jeman­den wäh­len wol­len oder nicht. 

Grob ver­ein­facht kann man also als Grund­vor­aus­set­zung für ein Bun­des­tags­man­dat eine Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, die Fähig­keit zu lächeln2 und Men­schen zu begeis­tern und für gewis­se Posi­tio­nen die Fähig­keit zu füh­ren anneh­men. Reicht das für eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie? Lei­der nicht, denn der Bun­des­tag ist nicht divers genug. Küp­pers­busch fasst zusammen: 

„Von der Idee, alle Stän­de und Beru­fe im Par­la­ment ver­tre­ten zu sehen ist wenig übrig. Im Bun­des­tag sit­zen 203 Abge­ord­ne­te aus dem Öffent­li­chen Dienst und zwei, die pri­vat Haus­mann­frau sind. 101 arbei­ten bei „gesell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen“ wie etwa Par­tei­en, vier sind arbeits­los oder ohne Beruf. Das Par­la­ment bil­det die Gesell­schaft nicht mehr ab, und das schaff­te auch Fall­hö­he für eine Rabu­lis­ten­frak­ti­on rechtsaußen.“

Fried­rich Küpers­busch: Coro­na, CDU und Grü­ne: Impf­par­ty mit Schei­be.(taz, 06.04.2021)

Für das Pro­blem, dass sich Tei­le der Bevöl­ke­rung nicht reprä­sen­tiert füh­len, gibt es eine Lösung. Reprä­sen­ta­tiv zusam­men­ge­stell­te, gelos­te Bürger*innenräte. Die­se wür­den auch das Lob­by­is­mus-Pro­blem abmil­dern und sie sind wich­tig für Pro­blem­fel­der, die Politiker*innen sys­tem­be­dingt nicht bear­bei­ten kön­nen. Wie funk­tio­niert das im Detail und warum? 

Gewis­se Pro­ble­me kön­nen bzw. wol­len Politiker*innen nicht ange­hen, weil sie das je nach Pro­blem­la­ge 5–10% ihrer Wähler*innen kos­ten könn­te und weil die gesam­te gegen­wär­ti­ge Poli­tik auf Macht­er­halt und Wie­der­wahl in vier bzw. fünf Jah­ren aus­ge­rich­tet ist. Ein Bei­spiel für einen Bürger*innenrat war der, der zum The­ma Abtrei­bung in Irland durch­ge­führt wur­de. Es wäre für Politiker*innen schwer gewe­sen, sich hin­zu­stel­len und zu sagen: „Ich bin für Abtrei­bung.“ Es wur­de also ein Bürger*innenrat zusam­men­ge­stellt. Dazu wur­de eine reprä­sen­ta­ti­ve Grup­pe von 100 Per­so­nen aus­ge­wählt. Reprä­sen­ta­tiv heißt, dass die Zusam­men­set­zung der Alters­struk­tur, der sozio-öko­no­mi­schen Struk­tur usw. des jewei­li­gen Lan­des ent­spricht. Wer letzt­end­lich in die­sem Rat sitzt, wird nach der reprä­sen­ta­ti­ven Vor­auswahl durch ein Los­ver­fah­ren ent­schie­den. Der Bürger*innenrat trifft sich dann über meh­re­re Wochen und bekommt Input von Expert*innen zum jewei­li­gen Pro­blem (Recht, Gesund, Öko­no­mie, Kli­ma, Ver­ke­her, wha­te­ver), so dass alle Aspek­te gut auf­ge­ar­bei­tet sind. (Das unter­schei­det die Räte von Volks­ent­schei­den, bei denen ein­fach jede*r Ein­zel­ne aus dem Bauch her­aus ent­schei­det.) Die 100 Per­so­nen kom­men dann zu einem Schluss, der hof­fent­lich von einer brei­ten Mehr­heit der Gesell­schaft mit­ge­tra­gen wird. Das fol­gen­de Video über das Refe­ren­dum zur Abtrei­bung in Irland erklärt alle Punk­te sehr gut:

Außer die­sem Bürgerrinnen*rat zur Abtrei­bung gab es auch in Frank­reich schon einen zum The­ma Kli­ma­schutz. Die Regie­rung Macron hat Tei­le der Emp­feh­lun­gen auch übernommen.

Dass Bürger*innenräte kein Hirn­ge­spinst irgend­wel­cher Revo­lu­zer oder Sozi­al­ro­man­ti­ker sind, sieht man auch dar­an, dass Wolf­gang Schäu­be­le (Bun­des­tags­prä­si­dent, CDU) sie unterstützt.

Bür­ger­rat Demo­kra­tie Ver­an­stal­tung mit Bun­des­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­be­le, 15.11.2019

Das Lob­by­is­mus­pro­blem wür­de duch Bürger*innenräte zwar nicht gelöst, aber zumin­dest auch abge­mil­dert, weil es nicht mög­lich ist, lang­jäh­ri­ge Netz­wer­ke und Abhän­gig­kei­ten auf­zu­bau­en, wenn die Rats­mit­glie­der zufäl­lig aus­ge­wählt sind und nur zu weni­gen Sit­zun­gen zusammenkommen. 

Dass beim The­ma Lob­by­is­mus und Kor­rup­ti­on drin­gend etwas pas­sie­ren muss, zeigt auch das Rezo-Video, um das es im fol­gen­den Abschnitt geht.

Krisentauglichkeit

Rezo hat die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on mal wie­der schön zusam­men­ge­fasst: Unse­re gegen­wär­ti­ge Regie­rung ist kor­rupt, macho­mäs­sig unter­wegs und inkompetent:

Rezo zer­stört die Coro­na-Poli­tik, 05.04.2021

Was man in der aktu­el­len Situa­ti­on braucht, ist die Fähig­keit, eine Bedro­hungs­la­ge ein­zu­schät­zen. Man muss Expo­nen­ti­al­kur­ven ver­ste­hen kön­nen und man muss ein­schät­zen kön­nen, wie eine wei­te­re Ent­wick­lung ver­lau­fen wird. Nie­mand, der ein Minis­te­ri­um lei­tet, ver­steht alle fach­li­chen Details. Das muss auch nicht so sein, aber es braucht Selbst­be­wusst­sein und mensch­li­che Grö­ße und ein Urteils­ver­mö­gen, um ein­schät­zen zu kön­nen, dass man selbst an bestimm­ten Stel­len inkom­pe­tent ist und sich auf Expert*innen ver­las­sen muss. Rezo hat die wesent­li­chen Video­schnip­sel der letz­ten Wochen zusam­men­ge­schnit­ten und belegt, dass unse­re Bundesregierung/Ministerpräsidentenkonferenz ein inkom­pe­ten­ter, arro­gan­ter Macho­hau­fen ist. Aus der Bezeich­nung Macho­hau­fen (klingt irgend­wie wie Matsch­hau­fen, viel­leicht ist er ja nach dem Coro­na-Win­ter weg) folgt auch, dass Ange­la Mer­kel nicht ein­ge­schlos­sen ist. Sie hat Phy­sik stu­diert und ver­steht Expo­nen­ti­al­kur­ven. Das ist es, was wir brau­chen. Also nicht unbe­dingt die Phsyik aber die Expo­nen­ti­al­kur­ven (Mein Vater hat mich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Ober­stu­fen­schul­stoff ist.). Die fol­gen­de Kur­ve zeigt das Infek­ti­ons­ge­sche­hen in Deutsch­land. Man sieht sehr schön die ers­te, zwei­te und drit­te Welle.

Drit­te Wel­le kurz vor dem Rum­ge­eie­re der Minis­ter­prä­si­den­ten­kon­fer­nez vor Ostern 2021

Die­se Ent­wick­lun­gen wur­den vor­her­ge­sagt. Es wur­den mathe­ma­ti­sche Model­le gebaut, die genau das vor­her­ge­sagt haben, was ein­ge­tre­ten ist. (Sie­he Fuß­no­te 1 zu for­ma­len Model­len in der Sprach­wis­sen­schaft.) In vie­len Situa­tio­nen hilft es, einen Phä­no­me­n­be­reich zu model­lie­ren. Man kann dann Vor­her­sa­gen einer Theo­rie bestim­men und ein Abgleich mit der Wirk­lich­keit hilft einem, Rück­schlüs­se auf die Qua­li­tät der Theo­rie zu zie­hen. Wie das Rezo-Video zeigt, wur­den die Gefah­ren, vor denen unser Land stand und immer noch steht, igno­riert und Poli­ti­ker (ohne *innen) sind sich nicht zu blöd, sich vorn hin­zu­stel­len und das auch noch rich­tig zu finden. 

Schau­en wir uns eine ande­re Kur­ve an. Sie ist aus dem Wiki­pe­dia-Arti­kel über Koh­len­stoff­di­oxid in der Erd­at­mo­sphä­re und zeigt eben­falls ein expo­nen­ti­el­les Wachstum:

Expo­nen­ti­el­ler Zunah­me von CO2 in der Atmo­sphä­re in den letz­ten Jahr­zehn­ten Quel­le: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=694303

Klimawissenschaftler*innen bau­en kom­ple­xe Model­le zu den Ent­wick­lun­gen, die uns in den nächs­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten bevor­ste­hen. Sie sind sehr zurück­hal­tend und nicht alar­mis­tisch. Das ent­spricht der Serio­si­tät, die in der Wis­sen­schaft üblich ist. Ein Kol­le­ge von der Hum­boldt-Uni, der wie ich auch bei den Scientists4Future aktiv ist, hat noch vor zwei Jah­ren den Begriff Kli­ma­kri­se abge­lehnt, weil er ihn für zu alar­mis­tisch hielt. Die Klimawissenschftler*innen sind sich einig: Wir haben ein Pro­blem. Ein gro­ßes! Die Kli­ma­kri­se ist um ein Viel­fa­ches grö­ßer als das, was wir jetzt erle­ben. Coro­na macht kei­nen Spaß? Dann kämpft dafür, dass wir nicht Cor­na++ bekommen!

Ange­la Mer­kel ver­steht das alles, aber lei­der ist Ange­la Mer­kel eine lame duck. Sie konn­te sich bei Coro­na nicht gegen ihre Matsch-Kum­pels durch­set­zen. Auch die Öko-Bilanz ist fins­ter. Mer­kel war Umwelt­mi­nis­te­rin und hat auf die Kli­ma­pro­ble­me hingewiesen. 

Buch­pu­bli­ka­ti­on von Ange­la Mer­kel 1997

Sie hat schon 1997 klar auf­ge­zeigt, was getan wer­den muss. Was pas­siert ist, ist aber so ziem­lich das Gegen­teil von dem, was wir gebraucht hätten.

Chris­ti­an Lind­ner und mein Vater3 sagen: Die Kli­ma­pro­ble­me und die gro­ße Poli­tik soll­ten doch die Pro­fis regeln. Die­se haben aber ver­sagt. Wir kön­nen nicht mehr war­ten (und Lind­ner hat ja eh kei­ne Lust zu regie­ren). Und des­halb machen wir das jetzt selbst! Los! Wie Rezo sagt: Bes­ser als die sind wir allemal!

Ein (zukünf­ti­ger) Pro­fi demons­triert bei Fri­days For Future Demons­tra­ti­on in Ber­lin, 15.03.2019 Bild: Ste­fan Mül­ler, CC-BY

Quellen

Küpers­busch, Fried­rich. 2021. Coro­na, CDU und Grü­ne: Impf­par­ty mit Schei­be. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Corona-CDU-und-Gruene/!5758868/)

Mau­rin, Jost. 2021. Lob­by­is­mus in der Uni­on: Anfäl­lig­keit für Ein­fluss­nah­me. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Lobbyismus-in-der-Union/!5757524/)

Mau­rin, Jost. 2021. Die Agrar­mi­nis­te­rin biegt Fak­ten zurecht: Klöck­ners Des­in­for­ma­ti­on. taz. Ber­lin. (https://taz.de/Die-Agrarministerin-biegt-Fakten-zurecht/!5762088)

tages­schau. 2019. Initia­ti­ve für mehr Demo­kra­tie: „Bür­ger­rat“ gibt Emp­feh­lun­gen ab. (https://www.youtube.com/watch?v=LV_dptGINYI)

Wagen­ho­fer, Erwin. 2005. We feed the world – Essen glo­bal. Alle­gro Film. (https://www.youtube.com/watch?v=m5HfaSBdtWU)

Warum ich das Direktmandat für die Bundestagswahl in Erlangen gewinnen werde

Ausgangslage

Ste­fan Mül­ler von der CSU gewinnt seit 2002 das Direkt­man­dat im Bun­des­tags­wahl­kreis Erlan­gen (Wahl­kreis 242). Die Ergeb­nis­se kann man im Wiki­pe­dia-Ein­trag für den Wahl­kreis nach­le­sen. Tabel­le 1 zeigt die Ergeb­nis­se von Ste­fan Müller.

Tabel­le 1: Wahl­er­geb­nis­se von Ste­fan Mül­ler bei den Bun­des­tags­wah­len seit 2002. Quel­le: Wiki­pe­dia, 14.04.2021.

Wie man Tabel­le 1 ent­neh­men kann, bekommt Ste­fan Mül­ler immer fast 50% der Stim­men. 2017 gin­gen 7,9% der Erst­stim­men an die AfD. Die fehl­ten dann bei Ste­fan Mül­ler, was den Abfall von 2013 zu 2017 erklä­ren dürf­te (2013 hat­te der AfD-Direkt­kan­di­dat nur 3,3% der Stimmen).

2017 war die Zweit­plat­zier­te die Kan­di­da­tin der SPD und sie hat­te 21% der Stimmen.

Tabel­le 2: Wahl­er­geb­nis­se der Direktkandidat*innen 2017, Quel­le: Wiki­pe­dia, 14.04.2021.

Ansatz

Da es – wie Die PARTEI Erlan­gen fest­ge­stellt hat – kei­ner­lei nach­voll­zieh­ba­re Grün­de für die Wahl von Ste­fan Mül­ler gibt, könn­te auch genau­so gut irgend­ein ande­rer Ste­fan Mül­ler (oder eine Ste­fa­nie Mül­ler) die Wahl gewin­nen.1 Da es durch­aus gute Grün­de dafür gibt, gegen Ste­fan Mül­ler zu sein (zum Bei­spiel sei­ne huf­ei­sen­ar­ti­ge Gleich­set­zung von den Reichs­tag stür­men­den Nazi-Schwur­b­lern mit Klimademonstrant*innen), hat Die PARTEI Erlan­gen beschlos­sen, eine eige­ne Direktkandidat*in auf­zu­stel­len und hat zu die­sem Zweck ein Ste­fanX-Mül­ler-Cas­ting durch­ge­führt (Pres­se­mit­tei­lung) und in einem lang­wie­ri­gen kom­pli­zier­ten mehr­stu­fi­gen Ver­fah­ren wur­de ich unter Tau­sen­den Ste­fanX Mül­lers aus­ge­wählt (Pres­se­mit­tei­lung). Da Die PARTEI selbst 2017 nur 0,8% der Erst­stim­men erhal­ten hat und auch die der­zei­ti­gen Pro­gno­sen nur bei 8,1% lie­gen, stellt sich natür­lich die Fra­ge, ob eine Direkt­kan­dia­da­tur über­haupt aus­sichts­reich ist. Im Fol­gen­den möch­te ich dar­le­gen, wie ich die Mehr­heit im Wahl­kreis errin­gen werde.

Ich bin seit 1994 in der aka­de­mi­schen Leh­re tätig. Seit­dem ich regel­mä­ßig Lehr­eva­lua­tio­nen durch­füh­re, haben mir Student*innen immer wie­der bestä­tigt, dass ich abschwei­fe (zur Daten­grund­la­ge sie­he Anhang A). Mein Ziel war und ist es natür­lich immer, alle Aspek­te eines The­mas umfas­send aus­zu­leuch­ten,2 3 aber das ver­wirrt die Zuhörer*innen mit­un­ter. Im Fall mei­ner Bun­des­tags­kan­di­da­tur wird mir die Fähig­keit, tota­le Ver­wir­rung zu stif­ten, aus­nahms­wei­se ein­mal von Nut­zen sein. Ich wer­de die Erlanger*innen ein­fach so durch­ein­an­der­brin­gen, dass sie letzt­end­lich bei irgend­ei­nem der Ste­fan Mül­lers ihr Kreuz machen. Die Wahr­schein­lich­keit dafür, dass sie mich wäh­len, liegt also bei 50%. Ers­te Expe­ri­men­te mit Umfra­gen auf Twit­ter schei­nen die­sen vor­erst rein theo­re­ti­schen Wert zu bestä­ti­gen (sie­he Abbil­dung 1).

Abbil­dung 1: Ers­te Expe­ri­men­te mit Umfra­gen auf Twit­ter schei­nen die­sen vor­erst rein theo­re­ti­schen Wert zu bestä­ti­gen. Umfra­ge 02.04.2021

Damit wür­de ich 21,3% der Stim­men bekom­men und klar vor der SPD-Kan­di­da­tin lie­gen. Die PARTEI hat­te 2017 kei­ne Direktkandidat*in, aber 0,8% der Zweit­stim­men. Auch wenn sich die der­zei­ti­gen Pro­gno­sen von 8,0% als zu opti­mis­tisch her­aus­stel­len soll­ten, kann man wohl sicher mit 0,8% der Stim­men rech­nen. Mit­glie­der der PARTEI sind SEHR GUT, sie wer­den vor­her infor­miert, dass sie den Ste­fan Mül­ler mit den Titeln wäh­len sol­len, so dass ich dann 0,8% vor dem unbe­ti­tel­ten Ste­fan Mül­ler lie­gen werde.

Zusammenfassung

In die­sem Auf­satz habe ich unter Bezug­nah­me auf Daten aus einer 24jährigen Längs­schnitt­stu­die einen Weg auf­ge­zeigt, wie man durch tota­le Ver­wir­rung Wah­len gewin­nen kann. Ers­te Expe­ri­men­te schei­nen die theo­re­ti­schen Abschät­zun­gen zu bestätigen.

Danksagung

Ich dan­ke zwei anony­men Gutachter*innen für wert­vol­le Kom­men­ta­re zu frü­he­ren Ver­sio­nen die­ses Auf­sat­zes. Klaus Ami­go, dem Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Demo­kra­tie und Kri­se, möch­te ich dafür dan­ken, dass er mir gestat­tet hat, den Anhang C mit­zu­ver­öf­fent­li­chen, obwohl bei­de Gutachter*innen ange­merkt haben, dass er für die eigent­li­ches Aus­sa­ge des Auf­sat­zes irrele­vant sei. Tau­sen­den Student*innen dan­ke ich dafür, in den letz­ten Jahr­zehn­ten in der Stu­die mit­ge­wirkt zu haben und dem Uni­ver­si­täts­pro­jekt Lehr­eva­lua­ti­on (ULe) dan­ke ich für die Aus­wer­tung mei­ner Fra­ge­bö­gen auch nach mei­ner Zeit in Jena. Nur so waren die Ergeb­nis­se ver­gleich­bar und für mei­ne Stu­die ver­wert­bar. Der Auf­satz ist im Rah­men des Pro­jekts Direk­te Demo­kra­tie ent­stan­den (FKZ HUF-SUC-1343). Ich dan­ke Klaus Huber von Bay­ern-Press für sei­ne sorg­fäl­ti­ge Betreu­ung im Publi­ka­ti­ons­pro­zess. Mir ist bewusst, dass das heut­zu­ta­ge alles ande­re als üblich ist, und ich weiß die gute Betreu­ung sehr zu schät­zen. Sei­ner Bit­te, auf Fuß­no­ten zu ver­zich­ten, konn­te ich lei­der nicht entsprechen.

Anhang A: Materialien aus der Längschnittstudie

  • 1998 Uni Saar­brü­cken: HPSG für das Deut­sche: „Dozent schweift ab.“
  • 2003 Uni Bre­men: Logik für Lin­gu­is­ten: „solan­ge Ein­ge­hen auf eine Fra­ge, bis die ursprüngliche Fra­ge ver­ges­sen wor­den ist“
  • 2005 Uni Pots­dam: Logik für (Patho-)Linguistinnen: „nicht vom The­ma abkommen“
  • 2005 Uni Pots­dam: HPSG für da Deut­sche: „Fra­gen wer­den teil­wei­se ausführlicher beant­wor­tet, als es sein müsste.“ „klei­ne Zwi­schen­fra­gen kürzer beant­wor­ten (z.B. ”Ja”)“
  • 2006 Uni Bre­men: Mathe­ma­tisch-Logi­sche Grund­la­gen der Sprach­wis­sen­schaft: „nicht zu lan­ges Auf­hal­ten an klei­ne­ren Themen“
  • 2007 FU Ber­lin: Mor­pho­lo­gi­sche und syn­tak­ti­sche Struk­tu­ren: „zu abschwei­fend, beim The­ma bleiben“
  • 2009 FU Ber­lin: Ein­füh­rung in die Sprach­be­schrei­bung: „direk­te Ant­wor­ten auf Fra­gen ohne abzuschweifen“
  • 2010 FU Ber­lin: Satz­se­man­tik: „ausführlichere Erklärungen“
  • 2012 FU Ber­lin: Ein­füh­rung in die Sprach­be­schrei­bung: „weni­ger abschwei­fen­de Erzählungen über Forschung(sgeschichte)“
  • 2014 FU Ber­lin: Struk­tur ger­ma­ni­scher Spra­chen: „zu vie­le Abschwei­fun­gen über ande­re Theo­rien, die uns manch­mal verwirren“
  • 2015 FU Ber­lin: „oft vom The­ma abgewichen“
  • 2016 HU Ber­lin: Grund­kurs Lin­gu­is­tik: „über­flüs­sig kom­ple­xe Sach­ver­hal­te erklärt zu bekom­men, wel­che wir anschlie­ßend kom­plett verwerfen“
  • 2017 HU Ber­lin: Vor­le­sung Syn­tax „teil­wei­se näher am The­ma blei­ben (roter Faden ging verloren)“
  • 2017 HU Ber­lin: HPSG „Dozie­ren­der schweift zu sehr ab (2 mal)“
  • 2018 HU Gram­ma­tik­theo­rie: „Es ist zwar gut, mehr Infor­ma­tio­nen über Neben­aspek­te zu bekom­men, aber manch­mal ver­liert man so den Faden.“
  • 2019 HU Ber­lin: Grund­kurs Lin­gu­is­tik: „bit­te mehr dar­auf ach­ten erst eine soli­de Basis zu schaf­fen, statt mit Aus­schwei­fun­gen zu verwirren“
  • 2020 HU Ber­lin: Syn­tax: „roten Faden deut­li­cher machen”
  • 2021 HU Ber­lin: Syn­tax: „Manch­mal waren die Erklärungen etwas gar aus­schwei­fend und schluss­end­lich wuss­te man gar nicht mehr, was gefragt wur­de oder was eigent­lich jetzt die Ant­wort war…“

Anhang B: Nicht berücksichtigte Materialien

Um die Ver­gleich­bar­keit der Ergeb­nis­se zu gewähr­leis­ten, habe ich nur die von der Uni Jena aus­ge­wer­te­ten Fra­ge­bö­gen berück­sich­tigt. Ich muss­te ein­mal Fra­ge­bö­gen einer ande­ren Uni ver­wen­den, weil der Fach­be­reich plötz­lich auf die Idee kam, an unse­rem Insti­tut eine Pilot­stu­die durch­zu­füh­ren. Zur Erleich­te­rung vie­ler Kolleg*innen gab es nur ein­mal solch eine zen­tral aus­ge­wer­te­te Lehr­eva­lua­ti­on.4

Ein­mal habe ich nicht die Jena­er Fra­ge­bö­gen ver­wen­det. Bei der Aus­wer­tung wur­den die Frei­text­an­ga­ben ein­fach ein­ge­scannt. Das ist aus Anony­mi­täts­grün­den sehr bedenk­lich. Die Begrün­dung war, dass es für die Ein­ga­be der Kom­men­ta­re kein Per­so­nal gege­ben habe. Als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter wer­de ich mich für die Auf­sto­ckung des Wis­sen­schafts­etats ein­set­zen, damit an allen Unis Lehr­eva­lua­tio­nen statt­fin­den kön­nen. Ehm. Bzw. für die Digi­ta­li­sie­rung der Uni­ver­si­tä­ten. (Anmer­kung Gutachter*in 2: „Die­se Bild­un­ter­schrift ist viel zu lang, im fal­schen Regis­ter und die Abbil­dung könn­te kom­plett gestri­chen wer­den.“ Ste­fan: FIX)

Anhang C

Damit hier kein fal­scher Ein­druck ent­steht: Aus­führ­li­ches Ein­ge­hen auf Fra­gen wur­de immer gelobt und ich wur­de in allen Eva­lua­tio­nen als kom­pe­tent, wis­sen­schafts­be­geis­tert, humor­voll, gut­mü­tig und freund­lich bezeichnet. 

Also naja. Bis auf die eine. Aber da woll­te ich irgend­wie erzwin­gen, dass die Deutschlehrer*innen an einer Vor­le­sung teil­neh­men, zu der sie sich nor­ma­ler­wei­se nur ein­schrei­ben und dann nicht hin­ge­hen. Sor­ry, ich bin schon wie­der abgeschwoffen.

Zum Glück auch noch ein ein­ge­scann­ter Kom­men­tar aus der Eva­lua­ti­on einer Einführung.
Lehr­eva­lua­ti­on Gram­ma­tik­theo­rie HU Ber­lin, 2018
Lehr­eva­lua­ti­on Gram­ma­tik­theo­rie HU Ber­lin, 2019

Literatur

Bortz, Jürgen & Chris­tof Schus­ter. 2010. Sta­tis­tik für Human­ und Sozi­al­wis­sen­schaft­ler. 7th edn. Ber­lin: Sprin­ger Ver­lag. DOI: 10.1007/978–3‑642–12770‑0.

Huff, Dar­rell. 1954. How to lie with sta­tis­tics. New York, NY: Norton.

Mun­roe, Rand­all. 2019. How to win an elec­tion. How to: Absurd sci­en­ti­fic advice for com­mon real-world pro­blems. Kapi­tel 24. Lon­don: John Murray.

Die PARTEI Erlan­gen. 2021. Pres­se­mi­tei­lung: Ste­fan Mül­ler Cas­ting. (https://dieparteierlangen.wordpress.com/2021/01/11/stefan-muller-casting/) (letz­ter Zugriff 14.04.2021)

Die PARTEI Erlan­gen. 2021. Pres­se­mi­tei­lung: Ste­fan Mül­ler kan­di­diert für Die PARTEI für den Bun­des­tag. (https://dieparteierlangen.wordpress.com/2021/03/08/stefan-muller-kandidiert-fur-die-partei-fur-den-bundestag/) (letz­ter Zugriff 14.04.2021)

Aufbau West

Da in Erlan­gen Ste­fan Mül­ler von der CSU seit 2002 immer das Direkt­man­dat gewinnt, hat Die PARTEI beschlos­sen, den Erlanger*innen eine Alter­na­ti­ve zu bie­ten. In einem auf­wen­di­gen Cas­ting-Ver­fah­ren konn­te ich mich gegen Tau­sen­de Ste­fan Mül­lers und Stef­fi Mül­lers durch­set­zen und der Vor­sit­zen­de der Orts­grup­pe hat dann von mir ein Foto bekom­men (Pres­se­mit­tei­lung der Par­tei Die PARTEI).

Ges­tern nun war unser ers­tes Tref­fen, bei dem es um kon­kre­te Wahl­kampf­maß­nah­men ging. Ich habe dabei sehr viel Wis­sens­wer­tes über Erlan­gen erfah­ren. Scho­ckie­ren­de Details. Ich weiß jetzt, dass die Infra­struk­tur maro­de ist. Stra­ßen­la­ter­nen sind so wacke­lig, dass man nur ein Wahl­pla­kat pro Later­ne auf­hän­gen kann (Aus­nah­me­re­ge­lung zu § 2 Abs. 2 Nr. 16 der Pla­ka­tie­rungs­ver­ord­nung der Stadt Erlan­gen). Alle ande­ren Pla­ka­te müs­sen auf Drei­ecks­stän­dern aus Metall ste­hen, die sich aber nur die CSU in gro­ßer Anzahl leis­ten kann.

Vor­schrif­ten für Pla­ka­tie­run­gen in Erlan­gen, 2017 für eini­ge spe­zi­ell aus­ge­wie­se­nen Stra­ßen­zü­ge laut Aus­nah­me­re­ge­lung zu § 2 Abs. 2 Nr. 16 der Pla­ka­tie­rungs­ver­ord­nung der Stadt Erlan­gen von 2017.

Die­se Zustän­de sind natür­lich unhalt­bar und ich fra­ge mich ernst­haft, wie die armen Erlanger*innen das die letz­te 40 Jah­re lang aus­hal­ten konn­ten. Ich den­ke, hier muss drin­gend Abhil­fe geschaf­fen wer­den. Ich wer­de mich also im Bun­des­tag für einen Auf­bau West ein­set­zen. Der Osten ist ja jetzt fer­tig, wir haben über­all die ver­spro­che­nen blü­hen­den Land­schaf­ten und kön­nen uns nun also struk­tur­schwa­chen Regio­nen wie Erlan­gen zuwen­den. Die Ossis sind sehr froh über die blü­hen­den Land­schaf­ten und das gan­ze Geld, das in den Osten geflos­sen ist, und vie­le sind sicher bereit, es dem Wes­ten heim­zu­zah­len zurück­zu­zah­len. Ich wer­de mich dafür ein­set­zen, dass der Soli bei­be­hal­ten und aus­ge­baut wird. Der Soli ist übri­gens eine Steu­er, die alle Steu­ern zah­len­den Per­so­nen bezahlt haben, also Ossis und Wes­sis (Wiki­pe­dia: Soli­da­ri­täts­zu­schlag). Das wird mit­un­ter über­se­hen. Also: Für einen Soli­da­ri­täts­zu­schlag für struk­tur­schwa­che Gebie­te! Gern ein­kom­mens­ab­hän­gig gestaf­felt. Für Stra­ßen­be­leuch­tung in Erlan­gen und Umge­bung! Gegen Dunkeldeutschland!